Kann ich deinen Hund streicheln?
Oder warum es immer in Ordnung ist, Nein zu sagen.

Sehen wir uns als Beispiel mal einen Hütehund an, 12 Monate alt, schnelle Auffassungsgabe und sehr fit. Nennen wir sie Lotte.

Ihr Besitzer benötigt Hilfe weil, wie er sagt, Lotte einige Probleme mit fremden Personen hat.
In den ersten paar Monaten, nachdem Lotte als Welpe eingezogen war gab es keine Probleme, sie besuchte einen Welpenkurs ohne Probleme , sie ging gerne spazieren und war über jeden Besuch erfreut. Sie liebte es auch ihren Besitzer an den Wochenenden mit einer Gruppe von Freunden bei Wanderungen zu begleiten.
Je älter Lotte wurde, um so unabhängiger und distanzierter verhielt sie sich.
Obwohl sie es sehr genoss zu Hause mit ihrem Besitzer auf der Couch zu kuscheln und mit einigen Wanderfreunden etwas gröber zu spielen tendierte sie dazu, viele Freunde ihres Besitzers auf ihren Wochenendausflügen zu meiden.
Dies fiel natürlich einigen Wanderfreunden auf und als sie ihren Besitzer darauf ansprachen war dieser besorgt, dass Lotte nicht genug sozialisiert ist.

Etwas verunsichert versuchte der Hundehalter das Verhalten von Lotte zu verbessern und seinen Fastnochwelpen mit so vielen Leuten wie möglich zu sozialisieren. Bewaffnet mit einer Tasche bester Fleischwurstscheiben nahm er Lotte jeden Tag nach der Arbeit mit in den Park – jeder Passant, den sie begegneten, wurde gebeten, Lotte freundlich anzusprechen und ihr ein Leckerchen zu geben.
Wenn ihr Besitzer im Baumarkt oder in der Apotheke Besorgungen machte, Lotte war immer dabei.
Wirklich überall wo sie hingegangen sind, bat er die Leute Lotte zu begrüßen – und die Leute halfen gerne. Sie war ein auffallend schöner Hund, alle wollten sie streicheln und ihr ein Leckerchen anbieten.
Lottes Besitzer machte eine tolle Arbeit um sie mit Fremden zu sozialisieren. Man nimmt viele verschiedene Orte, trifft neue Leute und die Leckerchen helfen, für den Hund eine positive Erfahrung zu schaffen.

Es gab nur ein Problem. Lottes Verhalten wurde nicht besser.

Ihr Besitzer stellte bestürzt fest das das Verhalten seines Hundes sogar eine dramatische Wende zum schlechteren genommen hat. Wo Lotte vorher ein beiläufiges Interesse an anderen Menschen gezeigt oder sie völlig ignoriert hatte, bellte und knurrte sie jetzt jeden an, den sie auf ihren Spaziergängen begegneten.
Ihr Besitzer versuchte, dieses Verhalten zu benennen und beenden, indem er laut NEIN sagte, wann immer sie knurrte und (wie von einem früheren Trainer angewiesen) dann hielt er sie kurz an der Leine, so das die entgegen kommenden Menschen, so weit sie dann überhaupt noch wollten, Lotte streicheln und mit Fleischwurst bestechen konnten.
Irgendwann hatte Lotte versucht eine Person zu beißen, die sich ihr in zwei verschiedenen Situationen näherte. Ihr Besitzer war verzweifelt.
Was könnte er noch tun?

Wenn man sich Lotte auf dem Trainingsplatz genauer anschaut sieht man einen äußerst interessanten Hund.
Sie war in vielerlei Hinsicht kein typisch reaktiver Hund – nicht allzu ängstlich, kein nervöses Keuchen oder Hecheln. Geräusche und beiläufige Bewegungen schienen sie nicht zu irritieren.
Sie betrachtet zwar jeden zunächst vorsichtig und saß außen am Zaun, entspannte aber merklich sobald sie sah, das sich niemand mit ihr beschäftigte.
Während man mit ihrem Besitzer spricht lässt man ein kleines Stück Käse fallen, Lotte sucht es begeistert im Gras und frisst es genüsslich auf.
Sie hat sich auch die Zeit genommen, den ihr gegeben Raum zu erkunden – mal den Kopf in die Agilitytunnel stecken, die Gerüche anderer Hunde am Boden mit großem Interesse erforschen und viel schnüffeln, um evtl. verlorene Leckerchen auf dem Platz zu finden. Nach einiger Zeit legt sie sich scheinbar zufrieden neben die Füße ihres Besitzers und schließt die Augen für ein Nickerchen.

Alles in allem nicht die Art von Verhalten, das man von den meisten reaktiven Hunden erwartet.
Lotte liegt friedlich entspannt auf dem Boden, wie ein perfekt normaler Hund.
Ein paar Fragen an den Besitzer:
„Glaubst du, dass Lotte es genießt, wenn sie gestreichelt wird?“
Ihr Besitzer hält für einen Moment inne. All seine fleißige Arbeit – und er war eine außergewöhnlich freundliche, intelligente Person, die wirklich das Beste für seinen Hund wollte – er hatte nie viel darüber nachgedacht.
„Nun – ja, ich glaube, sie tut es. Sie ist ein süßes Mädchen, wirklich! Wenn wir zuhause sind kuschelt sie die ganze Zeit mit mir.“

„Wie ist es an anderen Orten, mit Leuten, die sie nicht so gut kennt? Ist sie jemals zu Fremden gegangen um sich streicheln zu lassen wenn die Entscheidung ihr überlassen wurde?“
Ihr Besitzer sagte nichts und dachte nach.

Ich habe Lottes Namen gerufen. Sie hob sofort den Kopf, ihre Ohren sprachen Bände. Ich warf ihr noch ein bisschen Käse hin, den sie eifrig aus dem Gras suchte.
Ich setzte mich in einiger Entfernung von ihr auf den Boden.
„Hallo du hübscher Hund, komm her.“ Ich breitete meine Hände aus und lächelte sie an.
Sie reagierte auf meine Mätzchen mit einer Art langweiliger Verachtung, dann wandte sie den Kopf ab. Ein höfliches aber entschiedendes „Nein Danke.

Viele Leute dachten: Oh, das ist aber ein schöner Hund, den kann man doch bestimmt streicheln.
Ihr Besitzer wollte natürlich auch dass sie freundlicher Hund ist und jeden auch dementsprechend begrüßt.
Niemand hatte jemals Lotte gefragt was sie wollte.

Lottes Geschichte ist nicht so ungewöhnlich wie man denkt. Sie war kein gemeiner oder aggressiver Hund – sie liebte es einfach, allein gelassen zu werden um mit dem zufrieden zu sein, was sie tat.
Genau wie der Mensch ist jeder Hund anders. Manche lieben Streicheln und Aufmerksamkeit von Fremden, während andere lieber ihre Individualdistanz haben. Keiner dieser Persönlichkeitstypen ist besser als die anderen – sie sind einfach wie sie sind.

Mein Onkel war der freundlichste Mensch den ich je kannte. Er hat wirklich viele Leute geliebt – eigentlich alle. Er interessierte sich für ihre Geschichten und liebte es mit ihnen darüber zu reden. Überall wo er hin ging war er sicher, ein halbes Dutzend Leute zu treffen die er kannte. Er war die Art von Person, die ein freundliches Gespräch mit einem Fremden in der Schlange an der Supermarktkasse wirklich genoß, dies konnte gerne auch mal zeitlich ausarten.
Im Laufe meines Hundetraineralltages habe ich eine Reihe von Labradore und Golden Retriever getroffen die mich sehr an meinen Onkel erinnerten. Sie gingen glücklich durch das Leben mit einem freundlichen Grinsen und einem sanft wackelnden Schwanz und liebten es jeder Person freundlich Hallo zu sagen.
Sie suchen Körperkontakt wo immer es geht und bei jeder Gelegenheit lassen sich den Bauch kraulen. Nichts macht sie glücklicher als mit Leuten zu kommunizieren und diese Bekanntschaften zu pflegen.
Dies sind die wirklichen Therapiehunde auf dieser Welt und ideale Familienhunde, die alle lieben die sie treffen.

Diese Hunde (und Leute) existieren. Aber was ist mit denen, die nicht so sind?

Ich muss zugeben dass ich nicht wie mein Onkel bin. Ich genieße es, mit Menschen in bestimmten Situationen zu interagieren, vor allem Eins-zu-eins oder in kleinen Gruppen – aber ich bin viel introvertierter als er und soziale Kontaktgespräche brauche ich nicht 24 Stunden am Tag.
Wenn ich in den Supermarkt gehe bin ich da um Lebensmittel zu kaufen. Ich möchte die Artikel auf meiner Liste bekommen und bezahlen. Wenn jemand darauf bestehen würde dass ich mich mit jedem einzelnen Menschen, der meinen Weg kreuzt auszutauschen – ich würde schnell gereizt und ungeduldig werden.

Das ist genau so, wie Lotte sich fühlte, jedes Mal wenn ihr Besitzer sie zum engen kommunizieren drängte.
Am Anfang war sie nicht besonders reaktiv oder aggressiv gegenüber Menschen, die sie nicht kannte – sie hatte einfach nicht viel Interesse daran, in ihrer Nähe zu sein.
Es gibt einige Hunde, die nicht viel darauf geben von Fremden berührt zu werden, auch wenn sie zu Hause das Streicheln und Kuscheln mit ihren Menschen genießen.
Genau wie wir?

Leider waren für Lotte die gut gemeinten Bemühungen ihres Besitzers um die Sozialisierung für sie kein Erfolg, es machte es nur noch schlimmer. Aus ihrer Perspektive war die Welt plötzlich ein viel unangenehmerer Ort geworden.
Als Welpe konnte sie bei ihrem Herrchen in Ruhe schnüffeln, nach Herzenslust ihr kleines Reich erforschen oder auf ihren Wandertouren frei laufen, ohne sich belästigt zu fühlen.
Aber jetzt schien es dass jeder den sie sahen entschlossen war in ihren persönlichen Raum einzudringen – jeder ging zu ihr hin und ignorierte ihre höflichen Versuche darauf hinzuweisen, dass sie nicht Hallo sagen wollte.
Viele steckten ihre Hände in ihre Nähe und bestanden sogar darauf sie zu berühren. Kein Wunder dass sie zunehmend misstrauisch gegenüber Fremden wurde, sie begann zu bellen und zu knurren – sie hatte schon lange versucht die Leute höflich zu bitten, sie in Ruhe zu lassen aber niemand hörte ihr zu.
Das sie dann noch mit Leckerchen belohnt wurde machte sie leider nur noch frustrierter und aufgeregter. Da war es nur noch ein kleiner Schritt zum schnappen und beißen, weil sie keine anderen Optionen hatte. Jeder andere Versuch ihrer Kommunikation war falsch ausgelegt oder ignoriert worden.
Lotte hatte eigentlich keine Lust, irgendjemandem Schaden zuzufügen, sie war ansonsten ein sehr freundlicher Hund. Sie wollte nur, was wir alle wollen – das ihr Nein respektiert wird.

Als Hundebesitzer kann es durchaus schwierig sein, Gedanken und Gefühle nicht auf das eigene Tier zu übertragen.
Viele Leute erwarten nur interessierte Hunde, die eifrig mit jedem interagieren den sie treffen. Wenn wir mit unseren Hunden spazieren gehen oder mit ihnen an öffentlichen Orten unterwegs sind entsteht oftmals eine enorme Menge an sozialem Druck weil viele den Hund streicheln wollen. Einige Personen sind oft sehr beharrlich um mit dem Hund zu interagieren, sie können aber die Körpersprache deines Hundes nicht gut genug lesen um zu verstehen wann ihr handeln unerwünscht ist.
Das bringt dich in die Situation, erkennen zu müssen wann deinem Hund etwas unangenehm ist, du bist in diesem Moment der Experte der die Lage bewerten muss. Wenn ein Passant darum bittet deinen Hund berühren zu dürfen beobachtet genau die Reaktion bevor ihr zustimmt. Wenn euer Hund freudig mit dem Schwanz wedelt und sich mit lockerer, entspannter Körpersprache vorwärts bewegt, ist dies ein guter Hinweis darauf, dass er gerne Hallo sagen würde. Wenn er den Kopf wegdreht, angespannt oder unsicher aussieht oder versucht sich hinter dir zu verstecken, sie sagt euer Hund Nein – respektiert die Wahl und geht weiter.

Zum Glück für Lotte hat ihr Besitzer diesen Ansatz sehr begrüßt. Es wurden folgende Änderungen an ihrem Trainingsplan vorgenommen:
– Lotte musste keinem Fremden erlauben sie zu streicheln, es sei denn, sie hat die Interaktion eingeleitet, indem sie sich ihnen zuerst näherte. Wir haben auch darüber gesprochen, wie er ihre Körpersprache zu lesen lernt um sicherzustellen, dass sie entspannt und glücklich ist als sie interagierte – wenn es irgendeine Spannung oder Ungewissheit gab, würde ihr Besitzer ihren Namen nennen, ihr ein Leckerchen geben um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen und mit ihr weg gehen.
– Für den Fall das sie jemanden auf der Straße anbellt nutzten wir einen Teil des Trainings, den wir für einige ( nicht alle ) Leinenaggressionsprobleme verwenden. Im Wesentlichen haben wir einen verbalen Marker („Ja!“), gefolgt von einer Belohnung für jedes Mal, wenn sie eine Person nur ansah. Dies lehrte sie, dass sobald ein Fremder zu sehen war, ruhiges ansehen ein deutlich positiveres Gefühl hinterlässt, zumal jetzt auch niemand ungefragt ihre individuelle Distanz unterschritt
– Keine Strafe jeglicher Art (einschließlich mündlicher Korrekturen) zum Knurren, Bellen oder sonstigen Hinweisen darauf, dass sie sich unangenehm fühlte. Kommunikationssignale beachten anstatt „Fehlverhalten“ korrigieren. Das Ziel war es zu verhindern, dass sie das Bedürfnis hatte zu knurren oder zu bellen – aber wenn dies geschah, wurde ihr Besitzer angewiesen, sich einfach weg von dem zu bewegen, was sie verärgert hatte. Dann loben und belohnen, sobald sie weit genug entfernt waren um mit ihrem Besitzer kommunizieren zu können.

Innerhalb von ein paar Wochen verhielt sich Lotte viel besser auf ihren Spaziergängen. Sie genossen auch ihre Wanderungen wieder, da ihr Besitzer seine Freunde gebeten hatte sie einfach in Ruhe zu lassen, wenn sie sich nicht freiwillig näherte.
Die Leute, die direkt zu ihr gehen wenn sie an der Leine ist sind immer noch schwierig, wahrscheinlich weil dieses Szenario so oft eine unerwünschte Interaktion in der Vergangenheit vorhergesagt hat.
Sobald sie sich auch in dieser Situation sicher fühlt, was noch einige Wochen oder Monate dauern kann, wird sie es, in bestimmten Kontexten, genießen Hallo zu sagen. Sie kann sogar feststellen, dass ein wenig streicheln nett ist, hin und wieder.
Und wenn sie es nicht tut, ist das auch okay. Sie ist ein schöner Hund.
So wie es sein sollte, es ist ihre Wahl.

Hunde und Kommunikation